Über unsere jüngste Premiere:

 

"Das Hohelied“ - frei nach Motiven von Tennessee Williams

 

Generalanzeiger, 21.05.2011

 

„Das Hohelied“ in der Pathologie

hohelied

Foto: Thomas Dreier

Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

Nicht ohne Grund lässt Tennessee Williams die beiden Figuren in seinem späten Drama „The Outcry“ Verse aus dem alttestamentarischen Liebesdialog „Das Hohelied“ zitieren. Es geht in dem biblischen Text um die sinnliche Geschlechtsliebe und um ihre allegorische Überhöhung. Maren Pfeiffer, Intendantin des Theaters die Pathologie, spielt in ihrer Inszenierung „Das Hohelied“ mit Motiven von Williams’ vielschichtigem Stück, das auch eine Theatermetapher ist.
Die Schauspielerin Clare und ihr Bruder Felice sind von ihrer Truppe für geisteskrank erklärt und verlassen worden. Aber die beiden halten an der Unmöglichkeit des Notwendigen fest und deklarieren sie zur Notwendigkeit des Unmöglichen. Sie zeigen ein düsteres Stück vom gewaltsamen Tod der Eltern und von der Angst, die gewaltig wie die Nacht ist. So wie die Liebe stärker ist als der Tod. Ist es eine einsame nächtliche Theaterprobe oder eine Aufführung vor imaginärem Publikum? Spielen sie fremde Rollen in einem Bühnenkrimi oder Szenen aus ihrem wirklichen Leben? Welche dunklen Geheimnisse stecken hinter ihrer Geschwisterliebe? Verbergen die poetisch erotischen Bilder des „Hohen Liedes“ verbotene Grenzüberschreitungen des Begehrens? Sind die beiden vertraute „Lieblingskinder der Natur“ oder pure Kunstfiguren in einem erdichteten Albtraum? Reden sie, um zu überleben oder haben sie alle realen Lebensmöglichkeiten längst aufgegeben? Johannes K. Prill und Karin Krömer bewegen sich auf der kleinen Pathologiebühne in einem präzisen Schwebezustand zwischen Schein und Sein, verzweifeltem Pathos und bissiger Lakonie. Bei den Passagen aus dem Wechselgesang von Salomo und Sulamith hellt sich die Stimmung auf, als fänden sie hier eine Sicherheit, die ihnen das Bühnenleben verweigerte. Die Rätsel löst auch die kleine Pistole nicht, die Clare am Ende in der Hand hält.
Pfeiffers Regie konzentriert sich auf die sprachlichen Zwischenräume in Williams’ dramatischem Konstrukt und öffnet dessen melancholische Vergänglichkeits-Metaphern für die Doppelbödigkeit alles Gesagten und den Subtext der existenziellen Grundangst.
Das Premierenpublikum in der restlos ausverkauften Pathologie applaudierte überzeugt dem gut einstündigen komplexen Spiel am Abgrund ungesicherter Sehnsüchte

 

Bonner Rundschau , 24.05.2011

 

Böse Erinnerungen

Bonn. "Outcry oder das Zwei-Personen-Stück" von Tennessee Williams ist in Bonn mit einiger Sicherheit noch nicht gespielt worden. Bei Maren Pfeiffer, die es in ihrem Theater Die Pathologie inszenierte, heißt es auch anders als beim heißesten Südstaatendramatiker in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Bei ihr lautet der Titel "Das Hohelied", nach dem König Salomo. Die Titeländerung ist offenbar ein Instrument der Verstärkung.
Der Schauspieler Felice, den Johannes Prill spielt, sagt es seiner Schwester Clare auf, die von Karin Kroemer verkörpert wird. Wo der Originaltitel wie im actor's studio erfunden erscheint, holt der veränderte Titel den Text aus dem Studio auf die Straße. Es ist ein sehr hübscher Trick von Pfeiffer, diese Schnittfläche von Theater und Leben schwebend frei zu halten. Felice und Clare sind nämlich Bruder und Schwester. Wenn es beim Original vielleicht darum ging, dem Zensor, der Öffentlichkeit, eine gefärbte Brillel aufzusetzen, dann nimmt die Regisseurin die Brille wieder herunter und macht die Nähe zu "Plötzlich im letzten Sommer" deutlich.
Felice hat Angst vor den Kindern auf der Straße, sie beschwichtigt ihn, aber keine Frage, es sind böse Erinnerungen an die Sommer ihrer Kindheit, die sie beieinander Schutz suchen lassen. Maren Pfeiffer versteckt auch das nicht.
Das Hohelied aus dem Alten Testament, aufgesagt von zwei alt gewordenen Kindern, die ihr Beruf aneinander bindet, aber auch immer die Gelegenheit bietet zur Flucht in die Theater-Szene. Das ist der Kunstgriff dieser Aufführung, dass sie Bühne und Leben immer wieder unmerklich gegeneinander austauscht.
Aber in demselben Maße tauscht die Regie auch die sichtlich erotische Beziehung der Geschwister gegen die Realität. Sie erlaubt sich da eine poetische, zarte Undeutlchkeit. Maren Pfeiffer lenkt so Aufmerksamkeit auf ihr kleines Theater
Aber auch mit den Schauspielern, die Inszenierung lässt beide, Karin Kroemer und Johannes Prill richtig gut aussehen. (ter)

 

 

 

 

 

 

 

 

„Du bist meine Mutter “ von Joop Admiral in der Pathologie

 

Generalanzeiger Bonn, 11.03.2011

 

mutter

Foto: Thomas Dreier

 

Sensible Auseinandersetzung mit Demenz in der Pathologie
Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

Bonn. Eine alltägliche Situation: Ein Mann besucht wie jeden Sonntag seine alte Mutter im Pflegeheim. Er zieht sie hübsch an, fährt sie im Rollstuhl spazieren, redet mit ihr. Sie kann Gegenwart und Vergangenheit nicht mehr unterscheiden, weiß nicht mehr, wer von ihrer Verwandtschaft noch lebt. Manchmal hält sie ihren Sohn für einen Fremden.Sie hat genug vom Leben, das nur noch bruchstückhaft durch ihre Erinnerungen geistert. Der niederländische Schauspieler Joop Admiraal (1937 - 2006) wurde international bekannt mit seinem 1981 uraufgeführten Ein-Personen-Stück "Du bist meine Mutter". Es ist eine sensible Auseinandersetzung mit der Altersdemenz und eine im Grunde ganz normale Mutter-Sohn-Geschichte.Christoph Pfeiffer hat das Drama im Theater "Die Pathologie" auch als ganz persönliche Hommage an seine eigene Mutter inszeniert, die Schauspielerin Luise Prasser, die 2009 im Alter von 90 Jahren demenzkrank in einem Wiener Pflegeheim starb. Bis 1999 hatte sie noch auf der Bühne gestanden. 1998 wirkte sie am Theater Bonn mit in David Mouchtar-Samorais Inszenierung von Turgenjews "Ein Monat auf dem Lande".Kleine Hinweise aufs Theater lässt Pfeiffer deshalb anklingen, deklariert zum Beispiel die imaginären Zuschauer im Park zum Publikum, für das die Mutter einst spielte. Guido Grollmann verkörpert den 45-jährigen Sohn - bodenständig mit Ruhrpott-Akzent, ein einfaches Gemüt, das sich aus schlichtem Familiensinn geduldig um die alte Frau kümmert. Ganz sacht schlüpft er in deren Rolle, setzt ihr Sonntags-Ausgeh-Hütchen auf, kichert, grantelt und quengelt, spricht mütterlich streng zum Sohn wie zu einem Kind und ist dann wieder die gebrechliche, selbst zum hilflosen Kind gewordene Greisin.Gelegentlich leuchtet etwas Schelmisches in ihrem fahrigen Blick auf, als ob sie ihre Verwirrtheit durchschaute und damit nur spielte. Er geht darauf ein, immer unsicher, ob sie seine Worte begreift. Das ist manchmal sehr komisch, oft bitter und enervierend, aber doch voller Zärtlichkeit. Sie hat ihn nie losgelassen, obwohl sie an seinem Leben kaum teilnimmt.Er liebt sie anhänglich, obwohl es eine traurige Pflicht geworden ist. Grollmann spielt den intimen siebzigminütigen Mono-Dialog höchst eindringlich. Unüberwindliche Nähe schlägt um in Verzweiflung und Lebensangst, wird aber aufgefangen durch einen merkwürdig robusten Humor, der eine Verständigung jenseits des rationalen Verstehens ermöglicht.Möglicherweise hat der Sohn die verstorbene Mutter nur herbei fantasiert. Auf jeden Fall hat er ein Stück "über uns" geschrieben. Über sie und sich. "Darin gibt es eine Schluss-Szene, in der du sagst, dass du nicht mehr leben willst. Das ist nicht so einfach: Du lebst immer noch!" Zumindest auf der Bühne.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Beuchleins bittere Beichte“ in der Pathologie

beuchlein

 

 

Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

Uhren sind ein Symbol der Vergänglichkeit. Zwischen den Figuren berühmter Turmuhren taucht er gelegentlich auf, der Sensenmann: Der Tod ist sicher, die Stunde nicht. Beim Allerheiligensegen hat er in einer mittelalterlichen Stadt den Bischof erwischt – ganz konkret, denn genau zur Mittagsstunde ist die Figur des Todes vom Rathausturm gefallen und hat den Kirchenfürsten erschlagen. Fünfzig Jahre lang stand die kostbare Uhr still, nun soll Meister Balduin Beuchlein sie reparieren. Davon erzählt das „Schelmenstück mit Sensemann“, das Peter Brandt, Kameramann, TV-Produzent („Die Sendung mit der Maus“) und Autor des Internetcomics „Hanisauland“ der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Schauspieler Thomas Franke auf den Leib geschrieben hat. Die U(h)r-Aufführung von „Beuchleins bitterer Beichte“ im Theater die Pathologie hat Martin Schnick inszeniert, mit dem Franke bereits mehrere Monolog-Dramen erarbeitete.

Ein begnadeter Säufer ist Beuchlein, der sich in der Turmstube gegen Schwärme von Fledermäusen (schön hörbar in der von Franke alias Mikail Schokostalisch selbst gestalteten Tonspur) wehrt. Ein sparsam ausgestatteter schwarzer Raum, im Hintergrund eine kleine Pendeluhr, an der Seite der Konstruktionsplan, in der Mitte als Sitzgelegenheit eine hölzerne Bierkiste und als stummer Dialogpartner ein Skelett. Denn die Gebeine der Todesfigur muss Beuchlein auch wieder zusammenfügen, bevor er mit dem ersten Schlag der Uhr seinen Lohn von den Stadtoberen erhält. Gevatter Tod ist ihm nicht fremd, seit er als Lehrling im Badehaus beinahe eine Hure ersäufte. Das Handwerk des Schnitters beherrscht der alte Beutelschneider durchaus, weshalb der Tod ihm noch gut fünfzig Lebensjahre gönnen dürfte. Beuchlein streicht ihm zärtlich mit dem Messer übers Gerippe, als ob’s ein Cello wäre, und wagt auch branntweinselig einen Walzer mit dem Klappermann, der gelegentlich seine Knochenhand auf Hals und Herz des Gauners legt. Der Biss eines Rottweilers beim Metzger bringt Bäuchlein seinem Freund schon ziemlich nahe; mit einem Schießeisen besticht er ihn. Eine Pistole mäht schließlich mehr dahin als die alte Sense.

Franke spielt mit vollem Körpereinsatz und aberwitziger Komik den mordlustigen Gauner, der sein mechanisches Uhrwerk langsam aus den Augen verliert, während er der für ihn immer lebendiger werdenden, starren Todesfigur von seinem wüsten Leben beichtet. Eine bizarre Danse macabre, unverschämt gewürzt mit Bockbier und Bühnenblut. Bis halt nach einer tiefschwarz humorigen Theaterstunde die Glocke läutet und wieder einer dran glauben muss.

Das Premierenpublikum in der restlos ausverkauften Pathologie spendete lebendigen Beifall.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Herzzeit - Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan "

Generalanzeiger Bonn, 03.12.2010

"Wenn Totenstille eintritt" - Szenische Lesung im Theater Pathologie

Von Vera Tolo

Bonn. Es ist die Geschichte einer tragischen, unmöglichen und verzweifelten Liebe. Es ist die Lebensgeschichte zweier Größen der nachkriegszeitlichen deutschen Lyrik. Es ist Literaturgeschichte.Die Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan blieben bisher weitgehend unbekannt. In Buchform sind sie 2008 im Suhrkamp Verlag erschienen und wurden jetzt in der Pathologie als szenische Lesung aufgeführt.Bachmann und Celan trafen sich das erste Mal 1948 in Wien. Dort begann die komplizierte Liebesbeziehung zweier komplizierter Menschen. Er war der Sohn von im KZ ermordeten jüdischen Eltern, überlebte selbst ein Arbeitslager.Als Lyriker blieb er zu Lebzeiten verkannt und verleumdet. Sie, die Tochter eines österreichischen NSDAP-Mitglieds, war mehrfache Gewinnerin diverser Literaturpreise, unter anderem des Literaturpreises der Gruppe 47 .In ihrer Inszenierung gelang es Maren Pfeiffer sowohl die biografischen als auch die charakterlichen und nicht zuletzt schriftstellerischen Kontraste krisenbehafteter Persönlichkeiten auszuleuchten. Helga Bakowski und Martin-Maria Vogel brillierten. Vom ersten Moment in dem sie die Bühne betraten, bestand zwischen ihnen eine authentisch wirkende Intimität .Letztlich trug auch die Größe des kleinsten der Bonner Theater zu einer atmosphärisch dichten Inszenierung bei.

 

 

Campusweb.de, November 2010

Die Worte füreinander findenBachman und Celan (Helga Bakowski, Martin-Maria Vogel).

Von Ansgar Skoda

Im Briefwechsel einander nah.
Ingeborg Bachmann war eine schillernde Persönlichkeit. Die Liebesbeziehungen der vielleicht bedeutendsten deutschsprachigen Autorin des 20. Jahrhunderts sind legendär. 2008 erschien Bachmanns Briefwechsel mit dem Lyriker Paul Celan. Er belegt einmal mehr, dass Celan (1920-1970) und Bachmann (1926-1973) ein Liebesverhältnis und darüber hinaus innige Freundschaft verband. Geprägt wurde beider Leben durch die NS-Katastrophe. Mit ihrer Sprachskepsis reagierten beide Autoren ähnlich auf das Problem der Erzählbarkeit nach 1945. Sie widmeten sich nicht nur regelmäßig Gedichte in ihren Veröffentlichungen, sondern begegneten einander auch in ihren Briefen poetisch liebevoll.

Sprache und Sprachlosigkeit: Herzzeiten

In der Pathologie setzt Maren Pfeiffer den Briefwechsel der beiden Lyriker als Lesung szenisch um. In der intimen Atmosphäre des im Keller des "Pathos" gelegenen Theaters fällt die liebevolle Ausstattung direkt ins Auge. Während der szenischen Lesung sitzen Helga Bakowski in der Rolle der Bachmann und Martin-Maria Vogel in der Rolle Celans meist einige Meter entfernt voneinander an zwei kleinen Tischen. Das deutet eine räumliche Entfernung an zwischen Bachmann, die unter anderem in Rom und Berlin lebte, und Celan, der bis zu seinem Tod in Paris wohnte. Die diagonal voneinander stehenden Tische sind durch ein langes rotes, glatt über den Boden und die Tische gelegtes Samttuch miteinander verbunden. Die Distanz der beiden Liebenden und ihre gleichzeitige Verbindung kommt wirkungsvoll zur Geltung. Auf dem Boden verteilt befinden sich in Leder gebundene Bücher. An der Wand hängen zwei große gemalte Mohnbilder, die auf Celans Lyrikwerk "Mohn und Gedächtnis" (1952) hindeuten.Eine Stunde lang werden im Wechsel Briefe gekürzt vorgetragen, biographische Hintergründe und Zeitangaben gegeben und einzelne Gedichte rezitiert. Beide Autoren ringen oft um die richtigen Worte, mit denen sie einander begegnen möchten. Der Zuschauer scheint bei der Niederschrift ihrer Briefe dabei zu sein. Er nimmt Anteil an mit ihnen verbundenen Hoffnungen. Der jeweilige Verfasser liest Briefe vor, während der Empfänger sich so verhält, als lese er ihn gerade. Eine Annäherung der beiden Autoren aneinander wird szenisch auch in kurzen eleganten Tanzimprovisationen dargestellt. Besonders Helga Bakowski sticht durch lebendigen Vortrag und mit Intensität des Spiels hervor. Maren Pfeiffer hingegen holt mit ihrer Licht- und Sounddramaturgie gekonnt Emotionen aus dem kleinen Raum heraus. Beschwingte Klaviermusik und helles Licht unterstreicht Phasen der Liebe, am Ende erscheint der Gegenpol bedrückend und dunkel.Nebenbuhler und LebenskrisenWichtige, prominente Weggefährten Bachmanns, wie Max Frisch, Hans Werner Richter und Hans Weigel, tauchen in der Lesung auf. Eine durch diese Verhältnisse Bachmanns motivierte Eifersucht Celans deutet sich szenisch an. Die Eifersucht auf den zeitlebens größeren Erfolg der Geliebten findet ebenfalls in vorgetragenen Briefen Celans Ausdruck, wenn er sich unter anderem dafür erkenntlich zeigt, dass sich Bachmann für die Veröffentlichung seiner Lyrik im deutschsprachigem Raum einsetzt. In der szenischen Umsetzung liegt das Hauptaugenmerk des Publikums auf Bachmann-Darstellerin Helga Bakowski, die zentral vor dem Publikum plaziert ist. Martin-Maria Vogel befindet sich hingegen meist sitzend an seinem Tisch rechts seitlich vorm Publikum. Er wendet den Zuschauern manchmal sogar den Rücken zu.In der Veranstaltung rezitierte Gedichte wie Celans "Todesfuge" (1948) und Bachmanns "Die gestundete Zeit" (1953) behandeln die Sprachlosigkeit und das Fehlen der Worte aufgrund von Traumen, ausgelöst durch die NS-Katastrophe. Die anregende Lesung endet mit Beschreibungen der frühen Tode von Celan und Bachmann. Beide Autoren erhielten zu Lebzeiten renommierte Preise und verarbeiteten psychische Lebenskrisen künstlerisch. Im Zusammenhang mit den Beschreibungen ihrer frühen Tode tragen Helga Bakowski und Martin-Maria Vogel zuletzt Bachmanns vielleicht bekanntestes Gedicht "Reklame" zweistimmig vor. Es hallt noch lange nach mit den Worten "ohne Sorge sei ohne Sorge".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Hilda" von Marie NDiaye

Generalanzeiger Bonn, 13.10.2010

Theater Die Pathologie : Gedankenspiel à la Genet und Ionesco

hilda

Foto: Thomas Dreier

Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

Bonn. Das Hausmädchen Hilda taucht nicht auf in dem Stück "Hilda" von Marie NDiaye. Die in Berlin lebende Autorin, Tochter einer Französin und eines Senegalesen, erhielt 2009 für ihren Roman "Drei starke Frauen" den wichtigsten französischen Literaturpreis "Prix Goncourt".Im Theater Die Pathologie hat Christoph Pfeiffer NDiayes 2002 in Paris uraufgeführten Dramenerstling als absurdes Gedankenspiel über Herrschaft und Ausbeutung inszeniert. Es erscheint wie eine Umkehrung von Genets "Zofen": Die attraktive, mächtige Madame Lemarchand schafft sich in der Zofe Hilda ein Wunschobjekt, dem sie selbst immer mehr verfällt. Maren Pfeiffer thront im blau-grün schillernden Kleid auf ihrem Sessel und kauft dem unsicheren Franck seine Frau Hilda regelrecht ab.

Hinter der Maske der selbstbewussten Kleinstadt-Herrin lässt Pfeiffer die Einsamkeit der Gattin eines reichen Mannes und Mutter dreier wohlgeratener Kinder aufscheinen. Sie ist brutal dominant, feinsinnig zynisch und verzweifelt melancholisch, rabiat großzügig und würdelos verletzlich. Sie ist bewusst theatralisch bis zur Schmerzgrenze, weil Madame ihr Leben als pure Rolle auf der Gesellschaftsbühne begreift.

Hilda hat selbst Kinder, ist schön, tüchtig und vor allem sauber. Madame erzieht sie, macht sie gesellschaftsfähig, schneidet ihr die Haare und schenkt ihr ihre abgelegten Kleider. Wie eine Spinne saugt sie langsam Hildas Leben aus, bis eine leere Hülle zurückbleibt.Ob diese bis zur Selbstaufgabe perfekte Dienerin tatsächlich existiert, bleibt fraglich. Der gedemütigte Franck - verkörpert von dem türkischstämmigen Schauspieler Aydin Isik - übernimmt ohne viele Worte zusehends die Dialogführung.Er nutzt die Abhängigkeit der dominanten Frau von ihrem Idealgeschöpf, streicht Hildas wachsenden Stundenlohn lächelnd ein und versteckt Madame am Ende wieder wie eine Puppe unter dem Tuch, hinter dem er sie anfangs hervorgeholt hat, bevor er den Teppich für sie ausrollte.

Christoph Pfeiffers Regie vermeidet jeden vordergründigen Naturalismus; die Verortung des Dramas in Afrika wird ebenso nur angedeutet wie Hildas vermutliches Verhältnis mit dem Hausherrn. Die Hausherrin begehrt möglicherweise in Hilda, der sie sich mit zärtlicher Verachtung unterwirft, den fremden, farbigen Mann, den sie sich mit Geld gefügig zu machen sucht. Eine surrealistische Tragikomödie aus dem Geist Ionescos.

 

 

 

"Hilda" von Marie NDiaye

Bonner Rundschau , 13.10.2010

Rendevous mit einem Geist - Beklemmendes Macht- und Manipulationsspiel im Theater Die Pathologie

Von Christoph Pierschke

 

Bonn. So selbstverliebt und selbstsicher sitzt Madame Lemarchand in ihrem hohen und breiten Lehnstuhl. Ihr gegenüber sitzt der Bittsteller, der er auch ist, Franck mit seinem schleicht sitzenden karierten Anzug, den Blick unsicher zwischen die eigenen Füße gerichtet. Den schier endlosen Monolog der Madame unterbricht er nur notgedrungen mit einsilbigen Antworten.
Ein lupenreines und beklemmendes Macht- und Manipulationsspiel hat Christoph Pfeiffer im Bonner Kellertheater Theater Die Pathologie mit Marie Ndiayes Stück "Hilda" inszeniert.
Maren Pfeiffer als hochnäsige und versobte Madame Lemarchand zieht den Zuschauer vom ersten Moment an in den Bann ihrer Intrigen um Francks Ehefrau Hilda, die als Haushaltshilfe und Kindermädchen bei den reichen Lemarchands angestellt wird.
Aydin Isik als Franck drückt dagegen in seiner ganzen Körperhaltung und mit sparsamen und doch prägnanten Gesten das Unbehagen des Ehemanns aus, das immer mehr das Unbehagen des Zuschauers angesichts der devoten Unterwerfung Francks und Hildas ist. Sie existiert nur in den ausufernden Berichten der Madame, die Hilda wie eine Puppe ausstafiert, frisiert und immer mehr von einer Angestellten zur Sklavin verwandelt.
Der wahre Horror läuft einzig im Kopf des Zuschauers ab und spiegelt sich in immer neuen Variationen in Maren Pfeiffers Gestik und Mimik wieder.
Denn allmählich wird die menschliche Lehre und die brutale Einsamkeit der Madam hnter Pfeiffers zwischen Selbstsicherheit und Zerbrechlichkeit schwankendem Spiel klar. So absurd und abgrüdig komisch die Inszenierung ist, so sehr offenbart sie die geadezu klinische Obduktion der Machtstrukturen in Marie NDiayes Stück. Wie sich Maren Pfeiffers Madame mit ihren linksradikalen Wurzeln aufplustert und zum Wohle Hildas zu Handeln vorgibt und dabei doch nur eisern einer egoistischen Ausbeutungs - und Mißbrauchslokik folgt, wird mit fortlafendem Spiel immer deutlicher.
So feurig und feucht glänzend Pfeiffers Augen zu Beginn noch waren, so leer starrt aber schließlich die von Langeweile ausgehöhlt Madame aus den Augen Pfeiffers. Wie in einem schwarzen Loch verinken darin die einstigen Hoffnungen von Franck und nicht zuletzt Hilda, die als stummer, verkrüppelter Geist durch die Köpfe der Zuscher spukt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"John Barleycorn - Memoiren eines Trinkers" nach Jack Londons "König Alkohol"

Generalanzeiger Bonn, 19.02.2010

"John Barleycorn in der Pathologie

Foto: Thomas Dreier

Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

Bonn. John Barleycorn, in englischsprachigen Ländern bestens bekannt als Personifikation des Whiskys, war sein bester Freund. Der amerikanische Schriftsteller Jack London (1876-1916), dem die Welt Romane wie "Ruf der Wildnis" oder "Der Seewolf" verdankt, war Alkoholiker. Wie der schottische Dichter Robert Burns (1759-1796), der in seiner populären Ballade "John Barleycorn" beschrieb, wie Barley (Gerste) heranreifte, um schließlich im Glas zu landen. Zur Melodie von "House of the Rising Sun" schmettert Barfrau Barley dieses Lied hinter der roten Theke der Bar, in die Regisseur Christoph Pfeiffer die Bühne des Kellertheaters "Die Pathologie" verwandelt hat. Pfeiffer hat Londons 1913 erschienenen autobiografischen Roman "John Barleycorn - Alcoholic Memoirs" (dt. "König Alkohol") sehr geschickt dramatisiert. Aus der monologischen Erzählung mit ihren vielen reflexiven Passagen filtert sein Text einen Dialog über Lust und Elend des Trinkens heraus, der freilich kaum zur gutwilligen Suchtprävention taugt. Ruth Schiefenbusch im schwarzen Frack und roten Netzstrümpfen ist Königin Barley und hält diese Figur wunderbar sicher zwischen gut geerdeter Stämmigkeit und purer Kopfgeburt eines Säuferhirns. Mit stocknüchterner Ironie schenkt sie nach, wenn Jack ihr sein leeres Glas mit dem Zeigefinger zuschiebt. Guido Grollmann ist Jack in Cowboystiefeln und mit lässigem Hut auf dem kahlen Schädel. Grollmann spielt sein Rolle realistisch bis an die Schmerzgrenze. Die Landung in der Gosse wäre banal; er kippt also nach 75 intensiven Minuten ganz einfach um in einen verschnarchten Tiefschlaf. Drei Jahre später war der zu seiner Zeit bestbezahlte Schriftsteller der USA tot.

 

 

 

Dem Feindfeund Alkohol verfallen

Bonner Rundschau, 19.02.2010

Christoph Pfeiffer inszeniert Jack Londons "John Barleycorn" in der Pathologie

von H. Teschüren

 

Bonn. "Aber ich dacht, du bist ein Freund von John Barleycorn", hielt seine zweite Frau Charmian dem auch als Trinker hochberühmten Jack London ("Seewolf") ebtgegebm als der , auf der Ranch zurück, erklärte, er habe fürs Frauenwahlreicht gestimmt, weil die kalifornischen Frauen die Prohibition bekämpfen sollen. Vom Ritt ins Wahllokal war er gut abgefüllt zurückgekommen, worin auch seine Frau einen gewissen Widerspruch entdeckt. Jack Londons 1913 erschienener autobiografischer Roman "John Barleycorn" beginnt so, den Christoph Pfeiffer für die Bühne bearbeitet hat und im Theater Pathologie inszenierte. Bei uns erschien er unter dem für Deutsche deutlicheren Titel "König Alkohol". In Schottland ist John Barleycorn (Barleycorn gleich Gerstenkorn) ein Name für den Feindfreund Alkohol, den ständigen Begleiter von der Ackerfurche bis zum Whiskyglas. Kaum überraschen konnte, das Jupp Kessler in das Kellertheater dafür Grelles zwischen Bar und Saloon hinein gebaut hatte. Zwei Rollen destillierte Pfeiffer, noach mal neu übersetzt, aus dem Text. Auch der Autor, den Guido Grollmann spielt, kennt nur alkoholgetränktes Trottoir. Passend schwenkt Ruth Schiefenbuscs Barfrau Barley (!) die sich leerenden Whiskyflaschen. Jacks Finger im leeren Glas gibt unaufhörlich Zeichen. Den Saloon nannte London einen einzigen Club, zu dem er Zutritt habe. Er neigte zu sozialem Pathos, was die dramatische Form etwas wegschiebt. Dafür gelingt es Pfeiffer, in der dramatischen Verengung auf den Kern etwas von der mystischen Poesie einzufangen, in der London den Alkohol personifiziert und heroisiert als den Feind, aber auch als seinen Freund, der ihm erlaube, die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. "Weißer Alkohol", "Weiße Logik" bezeichnen die verengte Sicht. DIe Philosophie nimmt ab mit dem Schlucken, er nimmt den Freund zur Brust und vernichtet den Feind. Den Alkoholiker hat erstarr drauf. Im Zeitraffer baut er ab, torkelt zum Pinkeln, schlägt lang hin (virtuos, Betrunkene tun sich bekanntlich nichts), schläft auf dem Stuhl ein. Frau Schiefenbusch singt dazu stark Robert Burns Ballade von den drei Königen, die vergelbich den toten John Barleycorn beerdigen - er steht immer wieder auf.

 

 

 

"Die Marquise von O." nach Heinrich von Kleist

Generalanzeiger Bonn, 28.11.2009

In der Bonner Pathologie fließen Tränen

Regisseur Aydin Isik bringt mit Kleists "Die Marquise von O..." eine Erzählung von Scham und Schande auf die Bühne

(Foto: Thomas Dreier)

Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

Bonn. Es ist eine der merkwürdigsten Annoncen der Weltliteratur, mit der Heinrich von Kleist seine Novelle beginnt: Die verwitwete Marquise von O?, "eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern", ließ "durch die Zeitungen bekannt machen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und dass sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten." Ein unerhörter Schritt, dem eine unerhörte Begebenheit vorausgeht. Der Dame drohte Gewalt von den russischen Soldaten, die die Zitadelle ihres Vaters erstürmt hatten. Ein vornehmer russischer Offizier rettete sie vor den Grobianen.Sie fiel nach der überstandenen Gefahr in Ohnmacht und wurde von dem hilfsbereiten Grafen in ein sicheres Zimmer getragen. "Hier - traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen?". Bei Kleist deutet nur ein Gedankenstrich das in der Zwischenzeit Geschehene an.Im Bonner Theater die Pathologie hat der türkischstämmige Regisseur Aydin Isik Kleists bekannte Erzählung von Scham und Schande, verletzter weiblicher Ehre und kurz zu weit gegangener männlicher Ritterlichkeit mit drei Schauspielerinnen auf die Bühne gebracht. Seine Inszenierung folgt dem Kleistschen Erzählgestus, der "mit äußerster Geschicklichkeit kurz und knapp und mit einer gewissen frauenärztlichen Objektivität" (Theodor Fontane) die Konsequenzen des Fehltritts vorführt.Er lässt die drei Frauen geschickt wechseln zwischen dramatischer Rollenprosa und zurückhaltender Narration. Der jungen Mirka Flögl gelingt dabei ein durchaus anrührendes Porträt der tapfer gegen die Konventionen sich behauptenden Marquise, deren Gefühle völlig in Verwirrung geraten, wenn sie in ihrem angebeteten Schutzengel ihren Vergewaltiger erkennen muss.Eine feine Studie dieses zärtlichen Verbrechers und reumütigen Ehrenmanns liefert Anna Hilgedieck: ein grundehrlicher Frauenversteher, der seine teuflische Männlichkeit am liebsten verleugnen würde, um wieder als Engel zu erscheinen. Karin Kroemer spielt sympathisch die mütterliche Obristin, die das zweifelhafte Glück ihrer Tochter und die angeknackste Familienehre herzhaft befördert.In Kleists Novelle fließen bis zum seligen Ende unzählige heiße Tränen. Isiks Inszenierung nimmt den Gefühlsüberschwang vorsichtig zurück zugunsten der filigranen Struktur der Beziehungen. Über die heiklen psychologischen Tiefendimensionen legt sich freilich moralinsäuerlich und schmerzfrei der Schleier der romantischen Idylle.Leider völlig unironisch. In Frage gestellt wird nichts, die Widersprüche der Charaktere bleiben hübsch harmlos an der Oberfläche. Eine textnahe Light-Version der Geschichte - ganz im Sinn der neuen entkernten Schullehrpläne.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"CONTRACTIONS/NACHWEHEN" von Mike Bartlett

Generalanzeiger Bonn, 05.10.2009

Wirtschafts-Thriller "Contractions" in der Pathologie
Ulrich Harz inszeniert das Stück von Mike Bartlett

Foto: Thomas Dreier

Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

Bonn. Emma, leitende Angestellte in einer weltweit agierenden Firma, ist tüchtig. Ihre Verkaufszahlen steigen, mit den Kollegen gibt es keine Probleme. Die Firma kümmert sich sorgfältig um jeden Mitarbeiter; die Managerin bittet Emma regelmäßig zum vertrauensvollen Gespräch.Doch was wie ein harmloser Small-Talk unter weiblichen Top Dogs beginnt, wird zum brutalen Überlebenskampf. Denn Emma hat sich in ihren Kollegen Darren verliebt und wird schwanger. Romantische und/oder sexuelle Aktivitäten, die der Anbahnung eines Liebesverhältnisses dienen könnten, sind mit Betriebsangehörigen nicht gestattet. So steht es eindeutig im Vertrag, der Romantisches zudem juristisch klar definiert. Die Nachwehen werden für Emma schmerzhaft.
"Contractions" heißt der Thriller aus der schönen neuen Wirtschaftswelt, verfasst von dem 1980 geborenen Autor Mike Bartlett und 2008 uraufgeführt am Londoner Royal Court Theatre. Er gehört zu den Shooting Stars der britischen Szene. Unter dem Titel "Nachwehen" hat Ulrich Harz den bitterbösen Dialog jetzt in der Pathologie inszeniert.
Helga Bakowski ist die namenlose Managerin, die am weißen Schreibtisch auf einem weißen Chefsessel thront. Dezent elegant wie ihr schwarzes Kleid und ihr Schmuck, freundlich kühl, souverän verständnisvoll. Selbstverständlich haben "wir" ein Interesse an einem angenehmen Betriebsklima. "Wir" haben beschlossen, Darren zu versetzen.
Maren Pfeiffer ist die junge, erfolgreiche Aufsteigerin Emma im lässigen weißen Leinenanzug. Per Headset fest verwachsen mit ihrem Mobiltelefon, jederzeit erreichbar, hart im Nehmen. Pfeiffer spielt sehr genau und anrührend die Gefühlsverwirrungen, in die der folgenreiche Betriebsunfall Emma gestürzt hat. Eine brillante, ziemlich makabre Realgroteske.

 

 

 

 

Eiskalt hinter der Maske der Freundlichkeit

Bonner Rundschau, 07.10.2009

"Nachwehen": ein beklemmendes Stück im Theater "Die Pathologie"

von Antje Stillger

Bonn. Hinter der Maske der Freundlichkeit sondieren sie sorgfältig jeden Zentimeter der gegenüber sitzenden Person. Fast bis ins Unerträgliche steigert sich die Spannung zwischen den beiden Frauen; und der Zuschauer wartet gebannt, wie und wann sich die hochexplosive Stimmung zwischen der Angestellten Emma (Maren Pfeiffer) und der Managerin (Helga Bakowski) entladen wird.
Ausgesprochen fesselnd sezten die beiden Schauspielerinen in dem Stück "Nachwehen" des britischen Autors Mike Bartlett den Kampf um Macht, Autorität und persönlicher Selbstbestimmung in Szene.
Emma passt sich total an.
Die beklemmende Auseinandersetzung endet für Emma in der totalen Anpassung, mit der Versagung jeglicher Emotion, die Managerin bleibt als einsame Gewinnerin zurück. Trotz firmeninternen Verbots hatte sich Emma auf eine Beziehung mit einem Kollegen eingelassen. Ihre Managerin ruft sie nun in regelmäßigen Abständen zum Gespräch.
Aus dem zunächst scheinbar harmlosen Small Talk entwickelt sich schnell ein Verhör mit inquisitorischem Charakter. Als die Mitarbeiterin schließlich auch noch schwanger wird, werden die Forderungen der Managerin immer grotesker und unmenschlicher.
Erinnerung an Orwell.
Gekonnt gelingt es Helga Bakowski, die menschliche Kälte und Unbarmherzigkeit ihrer Figur zu verkörpern, die sich durch nichts aus der Fassung bringen lässt und ohne Regung ihren harten Prinzipien folgt. Im Gegensatz dazu steht das berührende Spiel von Maren Pfeiffer, die aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes in tiefer Verzweiflung schließlich sich selbst und ihre Ideale verrät.
Beide Protagonistinnen verdienen ein großes Kompliment. Weiß und Schwarz sind die Farben des düsteren Bühnenbildes in dem kleinen Theater "Die Pathologie" in der Weberstraße und nicht selten erinnert "Nachwehen" an die totalitäte Überwachung der negativen Utopie "1984" aus der Feder von George Orwell. "Nachwehen" in der Regie von Ulrich J. C. Harz ist eine Parabel, die man nicht so schnell vergisst.

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Die Dutten werden größer - anständige und unanständige Liebesgedichte von Bert Brecht"

Generalanzeiger Bonn, 13.07.2009

Brechts Liebeslyrik in der "Pathologie" - "Die Dutten werden größer" feiert Premiere

Foto: Thomas Dreier

Von Ulrike Strauch

Bonn. Er trägt Schwarz und sie ein figurbetontes rotes Kleid mit passendem Lippenstift dazu. Beide sind barfuß, nippen ab und zu an einem Glas Weißwein und strahlen mal fordernd, mal gewitzt oder auch melancholisch genau die direkte und derbe Sinnlichkeit aus, die dem Lyriker Bert Brecht gut zu Gesicht steht. "Die Dutten werden größer" heißt ein einstündiger Abend mit anständigen und unanständigen Liebesgedichten - vorgetragen von Maren Pfeiffer und Christoph Pfeiffer -, der jetzt Premiere im Theater "Die Pathologie" feierte. Wobei die unanständigen Verse überwiegen - wen sollte das in diesem Falle wundern. Da werden Engel im Hausflur verführt, und der Mond scheint fahl über Soho, während zwei sich lieben und er sie kurz darauf wieder verlässt. Da gibt sich die eine mit Vorliebe nur den richtig bösen Jungs hin. Eine andere trinkt und fällt in jedes Bett.
Sich die beiden Schauspieler auf der Bühne in einer Brecht-Verfilmung vorzustellen, ist ein Leichtes. Christoph Pfeiffer überzeugt mit lustvoller Ironie und einem mitunter diabolischen Charme. Maren Pfeiffer lockt und verführt oder zuckt die Schultern.Denn um sehnsüchtig auf die Erfüllung der einen großen Liebe zu warten, sind Brechts Frauen letztlich doch zu abgeklärt. Warum dann nicht gleich tun, worauf es sowieso hinausläuft? Das soll ihm recht sein. So gefällt sie ihm.
Also nicht unbedingt ein Programm für hoffnungslose Romantiker. Es spricht der Realist Bert Brecht, und das auch in der Liebe. Faszinierend und unterhaltsam ist diese szenische Lesung aber vielleicht gerade deshalb. Nicht weil sie die Vorstellungskraft beflügelt.
Das wäre ja schon fast zu billig. Sondern, weil diese Zeilen so unverblümt, so unwiderstehlich ehrlich sind und - man mag es nun zugeben oder auch nicht - damit (fast) jeden ansprechen.

 

 

 

Die Sehnsucht nach Harmonie - Szenische Lesung von Bert Brechts Liebesgedichten in der "Pathologie"

Bonner Rundschau, 14.07.2009

Von Antje Stillger

 

Bonn. "Still unter einem jungen Pflaumenbaum/Da hielt ich sie die stille bleiche Liebe". Mit Brechts vielleicht bekanntestem Liebesgedicht "Erinnerung an die Marie A." aus der ersten Schaffensperiode des Begründers des epischen Theaters eröffnen die Schauspieler Maren Pfeiffer und Christoph Pfeiffer ihre szenische Lesung "Die Dutten werden größer", die anständige sowie unanständige Liebesgedichte beinhaltet. Barfuß und auf knackenden Korbstühlen sitzend, inszenieren die beiden Schauspieler im Kellertheater "Die Pathologie" in der Südstadt die bittere Frivolität der "Ballade von der sexuellen Hörigkeit", trocken und gleichzeitig kraftvoll rezitiert Christoph Pfeiffer Bert Brechts Ideen über den Zusammenhang von "Sauna und Beischlaf" un den "Song von Mandalay" aus dem Musical "The Happy End" präsentieren sie antipodisch im Duett. Ohne eine Miene zu verziehen, tönt es hier aus Christoph Pfeiffers Mund "Wo kein Mensch ist, ist auch kein Verkehr", während sie, triefend vor Spott, mit Gossen-Weisheiten wie "Mit den Jahren geht es leichter auf dem Liebesmarkt"W kontert, die allzu typisch für das Brechtsche Werk sind. Wahrlich nicht einfach ist es, die für den einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts spezifische Kompromisslosigkeit und Skepsis darzustellen, in die sich jedoch gerade bei seinen Liebesgedichten sanftere Töne und die Sehnsucht nach Harmonie einschleichen. Zumeist gelingt den beiden Protagonisten diese anspruchsvolle Gradwanderung. Angefangen von der berühmten Dreigroschenoper über das bittere-ironische Poem "Wenn sie trinkt, fällt sie in jedes Bett" bis hin zum "Liebeslied", ("Und Deine weichen Knie schaukeln/Mein wiildes Herz in Deine Ruh") vermitteln die beiden einen tiefen Einblick in den brechtschen Liebeskosmos mit aufschlussreichem Akzent.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" von Silke Burmester

Generalanzeiger Bonn, 04.07.2009

Bonns Pathologie zeigt "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni"

Amüsante Unterhaltung in Kellertheater - Maren Pfeiffer setzt hübsche Brünette mit winzigem Akzent in Szene

Von Elisabeth Einecke-Klövekorn


Foto: Thomas Dreier

Bonn. Ein "Mann mit Atommacht" hat in ihrer nicht eben kleinen Sammlung noch gefehlt. "Ich fühle mich fast ein bisschen allmächtig. Es ist, als trüge ich die Kraft Frankreichs in mir", vertraut Carla Bruni am 25. November 2007 ihrem Tagebuch an. Seit dem 2. Februar 2008 ist sie verheiratet mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" ist selbstverständlich rein fiktiv und verfasst von der Hamburger Journalistin Silke Burmester. Ihre entsprechenden wöchentlichen Kolumnen in der "taz" hat sie kürzlich auch als Buch veröffentlicht. Maren Pfeiffer, seit kurzem Leiterin des Bonner Kellertheaters "Die Pathologie", hat in ihrer ersten eigenen Regie-Arbeit Burmesters Text dramaturgisch geschickt zugespitzt und mit eleganten Szenenwechseln sehr spannend theatralisch auf den Punkt gebracht.
Sie lässt die bezaubernde Carla nicht nur drauflos schwadronieren, sondern durchaus nachdenklich ihre Rolle reflektieren. Die in Köln lebende französische Schauspielerin Aurélie Thépaut ist dafür eine Idealbesetzung. In knappen weißen Shorts und rotem T-Shirt amüsiert sich die hübsche Brünette mit dem winzigen Akzent (Carla Bruni war schließlich bis 2008 Italienerin) über die Avancen ihres "kleinen Präsidenten", dieses "süßen, spießigen Emporkömmlings", der einer bekennenden, sehr wohlhabenden Linken und überzeugten "Kaviarkommunistin" doch reichlich kleinbürgerlich erscheint. Immerhin hat sie an vorderster Front gegen seine reaktionäre Politik demonstriert, bevor sie seinem unbeholfenen "Bling-Bling"-Charme erlag und ihn zärtlich "Nici" nennen durfte. Und mit etwas Yoga sind monogame und sonstige Entzugserscheinungen problemlos zu meistern. Thépaut denunziert ihre Theaterfigur nicht; sie zeigt deren Naivität mit fröhlicher Unverschämtheit, lässt sie leichtfüßig über politische Fettnäpfchen hüpfen und einen "First Flop als First Lady" locker professionell wegstecken.
Ihre Carla ist kein verwöhntes Dummchen, sondern eine durchaus eigenwillige intelligente Frau, die am Ende wütend gegen Palastwände taumelt und Pariser Tunnels aus guten Gründen meidet. Ihre putzige kleine, selbst gebastelte Nici-Puppe ist ein durchaus lebendiger Dialogpartner im Tagebuch-Monolog.
Wer wissen möchte, was zum Beispiel bei der Begegnung mit Obama oder dem Dalai Lama geschah oder warum Nici bei einer Papstaudienz immer auf sein Mobiltelefon schielte, ist bei diesem höchst vergnüglichen, sehr privaten Blick in die Eingeweide der Macht bestens aufgehoben.

 

Der Präsident im Holzkasten - Bonner Pathologie zeigt "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni"

Bonner Rundschau, 04.07.09

Von Antje Stilllger

Bonn. Verführerisch rot leuchten ihre Lippen, ihre Augen blicken mal kokett, lasziv und bisweilen deprimiert in den Zuschauerraum. Beeindruckend maändriert das Gefühlsleben der attraktiven Frau auf der Bühne zwischen Hoffnung, eiskaltem Kalkül und kindischem Trotz. Scheinbar problemlos schlüpft die französische Schauspielerin Aurélie Thépaut, die seit zwei Jahren in Bonn und in Köln arbeitet in dem kleinen Theater "Die Pathologie" in die Rolle der skandalträchtigen Carla Bruni. Auf ausgesprochen hohem Niveau setzt sie die emotionale Achterbahnfahrt des ehemaligen Models, der Musikerin und aktuellen Präsidentengattin der Grande Nation in Szene und wirkt dabei stets authentisch und keine Sekunde lächerlich.
Mit ihrer Adaption des Buches "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" aus der Feder der Hamburger Journalistin und Kolumnistin Silke Burmester für die Bühne gelingt der Regisseurin Maren Pfeiffer wahrlich ein überzeugendes Debüt. Die Ideen der neuen künstlerischen Leiterin des kleinen Theaters zeugen von einem zielgerichteten Minimalismus, der gespickt mit Ironie und gleichzeitiger Sanftmut daherkommt.
So taucht der Präsident als Miniaturpuppe mit langer Nase auf, den Bruni abwechselnd liebevoll wie ein kleines Kind an ihren Busen drückt, begeistert durch die Luft wirbelt oder bitterböse in einen kleine Holzkasten verbannt. Aus einer Affäre ist mittlerweile Liebe geworden, doch so kompliziert hat sich die Schöne ihr Leben im Elysée-Palast dann doch nicht vorgestellt.
Angefangen von ihren Nacktfotos, über die Aufregung des kolumbianischen Präsidenten, weil sie in einem Song ihren Liebhaber mit kolumbianischen Kokain vergleicht (Seitdem will sie "Mantras für Kinder singen") bis hin zum "Free-Tibet"-T-Shirt, das die Regierung in Schwierigkeiten bringt, landet Bruni von einem Fettnäpfchen im nächsten und kann nur noch ihrem Tagebuch vertrauen.
Rasant spielen nun drei Frauen (die Autorin, die Schauspielerin und die Regisseuin) mit dem exentrischen Paradiesvogel im goldenen Käfig der Macht und haben ein komisches wie tragisches Stück inszeniert.

 

 

 

 

 

 

 

 


"Professor Przeprzyborschtschuschkr oder Zahlen lügen nicht" feiert Premiere in der Pathologie

Generalanzeiger Bonn, 27.06.2009

Foto: Thomas Dreier

Von Julia Wehner

Bonn. "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Der Philosoph Ludwig Wittgenstein spricht Herrn Leopoldo aus der Seele. Gefangen fühlt sich der Sprachforscher in einer Welt, die ihm zufolge nicht genug Worte hat, auch nur annähernd auszudrücken, was um einen herum ist. Was soll heißen, der Tag sei schön oder es gehe einem gut? Zu unexakt und unpräzise - die meisten Adjektive seien schwammiges Dahergerede und müssten deshalb verworfen werden. Ungemein nuanciert hingegen ist Thomas Frankes Spiel. Unter Martin Schnicks Regie enstand "Professor Przeprzyborschtschuschkr oder Zahlen lügen nicht", ein Monolog nach Motiven einer Erzählung von John Phoenix auf der kleine Bühne der "Pathologie". Franke mimt mit beißender Ironie - nie die Figur verratend - den drollig bis obsessiven Reformer, dem die Sprache wie seine falsch herum angezogenen Schuhe einfach nicht passen will. So überzeugend lässt er Leopoldo um Wahrheit ringen, dass dem Zuschauer das Lachen zeitweise vergeht: wenn der Wissenschaftler zu einer traurigen Figur wird, die am wahren Leben mit seinen (lebenswerten) Unabwägbarkeiten gar nicht mehr teilhaben kann. Begeistert wendet er sich stattdessen der Phrenologie, der Schädellehre zu, der zufolge Geistes- und Charaktergaben abgegrenzten Hirnarealen zuzuordnen sind. Leopoldo liebt den präzisen Gedanken, Weisheit könne hinter dem linken Ohr, Liebe über dem rechten Auge wohnen. Sein Idol daher der betrügerischer Vertreter der Theorie "Professor Przeprzyborschtschuschkr". Bemitleidenswert wirkt daneben der betrogene sprachlose Leopoldo. Korrespondierend dazu das karge Bühnenbild: Ein Stuhl, ein Tisch, eine Schädelvermessungskarte. Die Wände schwarz, die Decke niedrig - die Verzweiflung über die Sprachnot nimmt Form an. Umso bizarrer scheint Leopoldos finale Lösung aller Sprachprobleme: die Entwicklung einer Weltgrammatik, die darin besteht, alles in Zahlen auszudrücken. 52 attraktiv Frau, 89 schöner Tag. Schade nur, dass Leopoldos Angebetete Vivian Schmidt die Theorie 100 dumm findet. Hätte Leopoldo sich doch an Wittgenstein gehalten: "Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen." Franke und Schnick gelingt eine wunderbar verschrobene Monolog-Inszenierung. Eine Stunde, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

 

 

 

Richtig Schreiben ist nicht alles - Im Theater Die Pathologie spielt Thomas Franke "Zahlen lügen nicht"

Bonner Rundschau, 27.07.2009

Von H.D. Terschüren

Dass die Rechtschreibreform nicht alles gewesen sein kann, schlummert explosiv in jedem, der Zeitung liest. Die "Süddeutsche" feierte in ihrem Magazin gerade maliziös das Zehnjährige, seit sie auf das lange bestrittene Reformwerk umgeschwenkt war. Derweil gastieren in der Pathologie unter dem Lokal Pathos der Professor Przeprzyborschtschuschkr und sein Adlatus, der Sprachforscher Leopoldo. Und besager Leopoldo ist Thomas Franke. Der Titel des Stücks: "Professor Przeprzyborschtschuschkr oder Zahlen lügen nicht". Leopoldo besitzt für die Lektion, für die Regisseur Martin Schnick eine Erzählung von John Phönix für die Bühne bearbeitete, eine angeborenen Unsensibilität. Er leidet an einer seltenen Art der Legasthenie. Er verwechselt rechts und links, und nicht nur in der Benennung, sondern, schlimmer in der Orientierung. Welcher Arm in welchen Ärmel gehört, oder welcher Schuh an welchem Fuß, weiß er erst, wenn es drückt. Ein ewiger Kampf, der kaum auf die kleine Kellerbühne passt. Wenn man reinkommt, krümmt sich Leopoldo in einem Sessel. Er weiß, wo es fehlt, die Sprache hat einfach zu wenig Worte, um Wirklichkeit zu benennen. Da steht er voll und ganz hinter dem Philosophen Luudwig Wittgenstein. Was man nicht benennen kann, gibt es nicht. Die Grenze der Sprache ist die Grenze der Welt. Und: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, zitiert das Programm den Philosophen. Die vier Steigerungen anstelle von zweien, zu denen krass und vollkrass kommen, hält Leopoldo immerhin für einen Anfang. Nicht umsonst ist sein Professor der Begründer der Phrenologie, die alles, was den Menschen ausmacht, in festen Gehirnregionen durch Schädelmessungen verortet findet. Goethe und die Frankfurter Neurologen hängen dem auch an, nur dass letztere heute feinere Messmethoden haben (Kenner wissen, Fortschritt gibt es nur durch verbesserte Methoden). Aber wer da ins Grübeln kommt, dem macht Leopodo die Freude der Erfindung einer grenzenlosen Metasprache: Allem wird eine Zahl zugewiesen. Schwulsein 175, meinetwegen. Mit Schnicks und Frankes Hilfe wird aus allem ein richtig witziger Bühnenspaß. Maren Pfeiffers neue Direktion des Theaters Pathologie (nach Reinar Ortmanns Weggang als Dramturg ans Düsseldorfer Schauspielhaus) fängt gut an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Furcht vor dem Anderen - "Antilopen" von Henning Mankell in der Pathologie

Foto: Thomas Dreier

 

Generalanzeiger Bonn, 11.05.09

Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

Es ist der letzte Anbend des schwedischen Ehepaares vor der Abreise aus Afrika. Mehr als ein Jahrzehnt waren sie als Entwicklungshelfer tätig auf dem schwarzen Kontinent. Von 400 Brunnen funktionieren noch drei. Die Vergeblichkeit zerrt an den Nerven wie die drückende Hitze und das in allen Ecken lauernde Ungeziefer. Die sinnliche Faszination der afrikanischen Tropen ist der Angst und dem Ekel gewichen, der Idealismus einem verzweifelten Zynismus. Die Schwarzen bleiben unsichtbar in Henning Mankells 1991 uraufgeführtem Afrika-Drama "Antilopen".
Reinar Ortmann inszeniert im Theater Die Pathologie einen fiebrigen Kreislauf der Hoffnungslosigkeit mit theatraler Hochspannung. Auf der kleinen Bühne kriecht die schweißtreibende Furcht vor den geheimnisvollen Anderen sehr nah an die Zuschauer heran. Martin-Maria Vogel spielt mit gespenstischer Genauigkeit den von Selbstekel und gescheiterten Illusionen zerfressenen Mann. Jedes Wort seiner Frau reißt Wunden auf. Maren Pfeiffer ist die Frau, die sich kraftvoll gegen den Verlust der Orientierung in Raum und Zeit stemmt. Sie bewahrt mit kühler Lässigkeit einen Rest von verletzlicher Würde. Den mit zunehmender Ungeduld erwarteten Nachfolger gibt Thomas Franke als kampferprobten Kolonialherren, der nach einem anständigen Badd aufzuräumen verspricht, was seine Vorgänger versäumten.

 

 

 

 

 

 

 

"Der Geist des Bösen" im Theater Pathologie

Generalanzeiger Bonn, 31.12.07


König des Grauens - Monolog am Abgrund

Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

 "Der Geist des Bösen" mit Thomas Franke

(Foto: Thomas Dreier)


Bonn. Es ist diese zwingende Logik des Bösen, das getan wird, weil es nicht getan werden darf, die den amerikanischen Dichter Edgar Allen Poe zeitlebens umtrieb.
Einen Blick in den Abgrund der menschlichen Seele, in dieses geheimnisvolle Buch, das sich nicht lesen lässt, wirft der Schauspieler Thomas Franke in seinem "Monolog am Abgrund", den der Regisseur Reinar Ortmann unter dem Titel "Der Geist des Bösen" aus mehreren Poe-Erzählungen zusammengestellt hat. Im Theater die Pathologie sitzen die Zuschauer dieser Reise zum Kern des Verbrechens am Rand der leeren Spielfläche. Franke mit grauer Nadelstreifenhose und weißen Stofflappen an den Füßen erzählt - immer auf dem schmalen Grat zwischen narrativer Distanz und spielerischer Identifikation mit der Bühnenfigur. Ein Verrückter, der vom objektiven Blick des Beobachters leise zur subjektiven Selbstreflexion wechselt. Ein von unheimlichen Mächten Getriebener, der sein eigenes Verhalten präzis durchschaut. Ab und zu setzt er sich zwischen die Zuschauer, bricht seinen Monolog durch Blickkontakt mit Einzelnen zum Dialog auf, stockt und beginnt Sätze fragend neu. Ein kleines Vibrieren der Hände, ein lauernder Schritt, ein Schütteln des massigen kahlen Schädels genügen für die Wanderungen der Gedanken durch das Universum des Abgründigen. Eine Decke, die er sich fröstelnd umhängt, macht ihn zum König des unerklärlichen Grauens und markiert später den Ort des Mordes. Franke hält perfekt die Spannung des Erzählens, auch wenn in der berühmten Novelle "Der Mann der Menge" eigentlich nichts geschieht. Er folgt einem unbekannten alten Mann durch London, betrachtet den ruhelosen einsamen Flaneur im Malstrom der Großstadt und umkreist mit ihm ein Zentrum, das sich als Leerstelle erweist. Das Motiv des Blicks in Poes "Das verräterische Herz" kehrt die Außenperspektive um. Das starre Auge eines alten Mannes verfolgt den Mann, der sein Mörder wird. Nur der Angstblick dieses Auges ins Herz der Finsternis führt zur sorgfältig geplanten Tat, die in der Inszenierung ebenfalls eine Leerstelle bleibt. Das tödliche Grauen im Blick des Opfers macht den Beobachter zum herzlosen Todesengel. Nur: Der Geist des Bösen will Gestalt annehmen und gesehen werden. Das unerbittlich pochende Herz des Toten und des Lebendigen rasen im Gleichklang (Musik: Mikail Schokostalisch), bis der Täter sich selbst verrät.

 

Bonner Rundschau, 02.01.08

"Die Anziehungskraft des Bösen - Thomas Franke interpretiert in der Pathologie Werke von Edgar Allen Poe"

Von Philpp Schuhmacher

Bonn. Am Anfang ist Stille im Theater die Pathologie. Nervenaufreibende Stille, die der Schauspieler Thomas Franke in seiner Ein-Mann-Darstellung erzeugt. Wer die Pausen beherrscht, dem gelingt es auch, Spannung aufzubauen.Vor allem, wenn die Skriptvorlage auf drei Erzählungen und einem Gedicht vom Meister des Grauens, Edgar Allen Poe, aufbaut. Reinar Ortmann hat als Regisseur und Drehbuchautor die Texte aus der Feder des amerikanischen Autors überarbeitet und unter dem Titel "Der Geist des Bösen - ein Monolog am Abgrund" zusammengefasst. Thomas Franke interpretiert bei der Premiere gespenstisch, bedrückend und packend. Das kleine Kellertheater ist ja nicht groß. Die Inszenierung nutzt das zum Vorteil aus. In seiner Rolle als nervöser Beobachter einer finsteren Gestalt, deren Anziehungskraft er sich nicht entziehen kann ("Der Mann in der Menge"), sucht Franke immer wieder den Kontakt zum Publikum, erzählt mit weit aufgerissenen Augen. Die Zuschauer sollen die Magie des Bösen begreifen in den schummrig düsteren Straßenzügen Londons. Franke entführt sie dort hin. Vorbei am "Pöbel", niedersten Gestalten und schmutzigen Kneipen. Hinein in die Armenviertel, die Poe selbst zu Lebzeiten so angezogen haben, dass er manch durchgezechte Nacht dort umherirrte. Synthesizerklänge von Mikail Schokostalisch unterstützen diese Atmosphäre, und das spärliche Licht tut das Übrige. Im nervenaufreibenden Spiel, bei dem der Darsteller zwischen den Zuschauern Platz nimmt, schlüpft Thomas Franke in die Rolle eines morbiden Psychopaten. Alle Erzählungen - neben "Der Mann in der Menge" wählte Ortmann "Der Geist des Bösen", "Das verräterische Herz" und das Gedicht "Eldorado" (letzteres im englischen Original) - gehen fließend ineinander über, verschmelzen zu einer einstündigen Vorstellung ohne Pause. Franke spielt Täter und Opfer zugleich. Das Publikum erfährt manch überraschende Wendung, wenn es hinter die verborgenen Geheimnisse kommt: den menschlichen Abgrund, den Poe zu Lebzeiten so vortrefflich zu beschreiben in der Lage war.

 


 

 

 

 

 

 

 

"Widersacherinnen" von Gérard Bagardie in der Pathologie

Generalanzeiger Bonn, 12.05.07

"DIE HEILIGE JOHANNA DER JUGENDREVOLTE

Widersacherinnen mit Maren Pfeiffer (links) und Helga Bakowski

(Foto: Thomas Dreier)


- ein höllisch brillantes Kammerspiel mit Sartreschen Qualitäten: Gérard Bagardies "Widersacherinnen" in der Pathologie in Bonn
Von Elisabeth Einecke-Klövekorn


Bonn. Frankreich hat eine demokratische gewählte Präsidentin. Nicht 2007, sondern irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts. In den Pariser Vorstädten brennen die Autos - wie auch heute schon.
Die Jugendlichen rebellieren gegen das verkrustete politische System, das ihnen keine Perspektiven bietet. Der französisch-baskische Autor Gérard Bagardie entwirft in seinem 1999 uraufgeführten Stück "Widersacherinnen" - ausgezeichnet mit dem "Jean Anouilh"-Theaterpreis - eine sehr aktuelle Zukunftsvision vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung in Europa.
Reinar Ortmann hat den Machtkampf zwischen den Generationen jetzt in einer konzentrierten Inszenierung im Bonner Theater "Die Pathologie" auf die Bühne gebracht. In dem kleinen, sparsam dekorierten Raum herrscht Hochspannung. Von den luftigen weißen Vorhängen drohen surreal verfremdete weibliche Gesichter mit schwarzen Lippen statt Augen und Nasen.

Es ist ein intimer sprachlicher Schlagabtausch in einer Neujahrsnacht, zu dem die Präsidentin Julie Gautier die junge Vorsitzende des revolutionären Jugendnetzwerks eingeladen hat. Es ist ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit, denn die Armeen beider Seiten stehen zum blutigen Bürgerkrieg bereit und warten nur auf das Kommando zum Angriff.
Helga Bakowski ist die Vertreterin der etablierten Politik: elegant, souverän, machtbewusst, eisern diszipliniert. Jeder ihrer Sätze trifft mit unterkühlter Ironie direkt einen Nerv der jungen Politikstudentin Géza Benahoui, die die alte Herrscherin vertreiben und selbst die Macht an sich reißen will. Mit den besten Absichten, aber ohne Konzept - außer dem, dass die Staatsgewalt denen gehören soll, die noch eine Zukunft vor sich haben.
Maren Pfeiffer spielt diese Géza im militärischen Outfit und klobigen Springerstiefeln als kluges Mädchen vom Rand der Gesellschaft: tapfer, trotzig rotzig unverschämt, brennend ungeduldig - eine heilige Johanna der Jugendrevolte.
Die guten Absichten hat Julie, die Präsidentin, längst hinter sich, ihre Zukunft möglicherweise auch. Ihre Krebskrankheit könnte jedoch ebenso eine raffinierte Lüge sein wie die Geschichte von ihrem Großvater, der den Holocaust überlebte und dabei seine Seele verlor. Die von ihm geerbte Pistole könnte geladen sein.
Helga Bakowskis Julie spielt mitleidlos mit den Emotionen, baut perfekt Fassaden auf, deren Bruch freilich immer noch Teil eines Kalküls sein könnte. Wenn da nicht plötzlich auch die Müdigkeit vor dem geliebten Herrscherinnen-Job auftauchte und sie sich nicht so hilflos in ihren weißen Thronsessel verkröche.
Die junge Frau, die sich da die Rolle der Widersacherin anmaßt, könnte auch ihre Tochter sein, die vor dem Ehrgeiz der Mutter in den Tod floh. Géza weiß von dieser dunklen Seite im Leben der Präsidentin und spielt ihre Trumpfkarte brutal aus.
Man kommuniziert mit Handys am Handgelenk, bellt Befehle ans bewaffnete Fußvolk und überlässt die Schlächterei natürlich diesem, ganz oben bleiben die Hände bekanntlich sauber: Wie diese beiden Frauen ihren Kampf um den immer noch möglichen Frieden draußen austragen, ist ein höllisch brillantes Kammerspiel mit Sartreschen Qualitäten.
Kompromisse sind das Privileg der Älteren; Glauben ist das Restglück der Jungen. Das französische Damenduell endet tödlich. Vielleicht nur ein historischer Zufall mit nicht mehr kalkulierbaren Folgen. Sicher ist: Das Anschauen dieser Aufführung aus der Kernzone der politischen Pathologie lohnt sich unbedingt."


Bonner Rundschau, 15.05.07

PSYCHOSCHLACHT AUF DER BÜHNE -

"Widersacherinnen" - Neue Produktion im Zimmertheater "Pathologie"
Von Christoph Pierschke

Bonn. Viele große und pathetische Gesten gibt es, mit denen Macht demonstriert werden kann. Helga Bakowski als Präsidentin eines europäischen Einheitsstaats aber genügt in "Widersacherinnen" von Gérard Bagardie, der neuen Produktion der Pathologie, ein schmales Lächeln und elegantes Hochziehen ihrer linken Augenbraue, um ihrer Gegenspielerin klar zu machen, wer der Boss ist. Maren Pfeiffer lässt denn auch von Beginn an keinen Zweifel aufkommen, wie unwohl sich die Studentenführerin Géza in den Privatgemächern der Macht fühlt. Als Herz der Finsternis entpuppt sich das Zentrum der Macht. Während sich draußen in der Hauptstadt die Truppen der Präsidentin und die jugendlichen Revolutionäre gegenüberstehen, tragen die beiden Frauen eine Psychoschlacht aus, die an Bitterkeit einem Kampf bis aufs Blut gleichkommt. Ultimatum gegen Ultimatum. Die Jugend greift nach der Macht, die Alten wollen sie nicht hergeben. Regisseur Reinar Ortmann setzt in diesem weiblichen Duell Alt gegen Jung auf die versteckten Details, um ganz langsam auf den überraschenden Showdown hinzuarbeiten. Pfeiffer zittert wie Espenlaub, wenn Bakowski sie mit der Pistole bedroht. Höhnisch verkündet die Präsidentin, dass die Waffe gar nicht geladen ist. Dafür kredenzt sie Sekt. Um das Unausweichliche zu verhindern, gibt Géza schließlich dem machtbesessenen Drängen der Präsidentin nach und lässt ihren Bruder und Mitrevolutionär exekutieren. "Das ist die Realität der Macht. Danach ist nichts mehr so wie es war", sagt Bakowski mit einer Stimme und einem Gesichtsausdruck, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen.
Wieder einmal präsentiert die Pathologie auf ihrer kleinen Bühne ein großes Stück.
Beide Schauspielerinnen umschleichen sich wie Bestien im Käfig, die so tun, als führten sie ein Tänzchen auf. Hinter der Fassade aber gärt unweigerlich der brutale Machtinstinkt. Für die Präsidentin nichts Neues. "Weißt du was uns trennt? Du hattest nicht genug Zeit, dich zu irren", erklärt sie altersweise der Studentenführerin, deren Nachgeben Pfeiffer ganz allmählich sichtbar werden lässt.
Die grandiose Inszenierung bietet einen Blick in die Abgründe der Macht.